Fragen an Martin

Wer bist du?

Ich bin Martin, Singer-Songwriter mit deutschen Texten. Meine Songs begleite ich auf der Akustikgitarre. Eigentlich spiele ich seit meinem 14. Lebensjahr E-Gitarre. Mit der Akustikgitarre habe ich erst zehn Jahre später angefangen. Meine Songs, welche ich mit der Akustikgitarre spiele, sind nochmal eine Stufe intimer als meine Rocksongs welche ich mit Melodada spiele.

Aus diesem Grund habe ich mich auch dazu entschieden, keinen Künstlernamen anzunehmen und einfach unter meinem bürgerlichen Namen aufzutreten. Ich konnte mich nicht so recht damit anfreunden, mir für meine deutschsprachigen akustischen Songs eine Rolle bzw. etwas Künstliches auszudenken. Ich empfinde es als sehr befreiend, dass ich einfach so auf die Bühne gehen kann und sagen „Ich bin Martin. Ich spiele deutschsprachige Akustiksongs“. Damit fühle ich mich zu 100% wohl.

Wovon handeln deine Songs?

In meinen Songs verarbeite ich überwiegend meine Alltagsbeobachtungen sowie meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber auch meine Reiseerlebnisse fließen in meine Songs ein. Ich war mittlerweile in 30 Ländern und gehe stark davon aus, dass sich diese Erfahrungen unbewusst auch in meinen Songs widerspiegeln. Dazu kommt, dass ich viele Dinge bis ins kleinste Detail wahrnehme. Meine Songs sind also wahrscheinlich das Ergebnis von vielen neuen Erfahrungen und Erlebnissen gepaart mit einer sehr genauen Beobachtungsgabe.

Dazu passt es gut, dass ich gerne analysiere und gerne mein Verhalten reflektiere. In meinen Songs kann ich dann Erkenntnisse in einen neuen Kontext setzen und diese für mich etwas greifbarer machen. Also sind meine Songs so etwas wie mein musikalisches Tagebuch. Sie helfen mir dabei, meine Eindrücke festzuhalten und um zu dokumentieren, wie ich mich an einem bestimmten Zeitpunkt gefühlt habe und wie ich gedacht habe.

Genau deswegen drücke ich mich in meinen Texten auch so bedacht aus. Wenn ich mir schon die Mühe mache, meine Erfahrungen und Erlebnisse zu reflektieren und zu dokumentieren, dann halte ich es schon für sinnvoll, dies möglichst genau zu tun. Meine Texte müssen etwas aussagen. Sie müssen für etwas stehen. Zumindest für mich. Ansonsten gibt es keinen Grund sie zu veröffentlichen.

Wie entstehen deine Songs?

Ich fange eigentlich immer ganz klassisch mit der Akustikgitarre an. Wobei ich mich nie aktiv hinsetze und sage, „jetzt schreibe ich einen Song“. Meistens spiele ich einfach relativ absichtslos und ergebnisoffen ein paar Melodien oder Akkordfolgen auf der Gitarre die ich bereits kenne. Nach ca. zwanzig bis dreißig Minuten habe ich mich dann in einen Zustand gespielt in dem ich bereit bin für was Neues. Das heißt, ich habe alle meine Emotionen die mich bis dahin beschäftigt haben „weggespielt“. Jetzt bin ich „leer“ und kann mich auf was Neues einlassen. Oftmals spiele ich zu diesem Zeitpunkt dann eine Melodie oder Akkordfolge auf der Gitarre die ich so bis jetzt noch nicht gespielt habe. Wenn es eine Melodie ist dann singe ich in Gedanken einen Text drüber welcher aus Wörtern besteht welche keinen Sinn ergeben. Ich glaube das ist noch nicht mal deutsche Sprache was ich da in Gedanken drüber singe. Oftmals erscheinen in meinem Bewusstsein dann aber Wörter in deutscher Sprache. Ich erkenne sie am Klang und notiere mir diese dann. Wenn es eine neue Akkordfolge ist dann fange ich an in Gedanken eine Melodie zu summen. Wenn mir diese gefällt dann summe ich diese Melodie ebenfalls mit einem sehr wirren Text über diese neue Akkordfolge.

Im Regelfall sind diese Sequenzen dann Parts aus denen später der Refrain entsteht. Das gefällt mir sehr. Denn ich finde es viel angenehmer, zu einem Refrain zwei Strophen hinzuzufügen anstatt zu einer Strophe einen passenden Refrain. Der Refrain ist somit meistens der erste Part von einem neuen Song der fertig ist. Um diesen Refrain herum komponiere ich dann die Strophen. Gerne arbeite ich auch zusätzlich mit Pre-Refrains. Ein Element, was ich als sehr mächtig empfinde. Als letztes, wenn überhaupt, kreiere ich eine Bridge. Obwohl, genauer gesagt, ich komponiere jeweils mehrere Strophen und mehrere Bridges. Eine Stärke von mir ist, dass ich sehr strukturiert arbeite. Das heißt, ich habe einen Ordner mit dem Titel des Songs. Darin gibt es dann jeweils einen Ordner für Strophe, Refrain, Bridge usw. In diesen Ordnern sammele ich alle Strophen und alle Bridges von denen ich denke, dass sie passen könnten. Mit der Zeit kristallisiert sich dann meistens eine Version heraus. Ich habe auch einen Ordner mit Melodien speziell für diesen jeweiligen Song. Diese füge ich dann in den fertigen Song ein und lege sie in den entsprechenden Abschnitten eines Songs über den jeweiligen Part.

Dass mir meine Texte sehr wichtig sind hört man meiner Musik vermutlich recht schnell an. Wenn das oben beschriebene Grundgerüst fertig ist, also wenn ich eine passende Strophe und eine passende Bridge zu dem Refrain gefunden habe, dann nehme ich ein Demo auf und höre mir das immer mal wieder an. Im Regelfall lenken mich die Worte, die beim Summen der Melodie während des anfänglichen Songwritings in meinem Bewusstsein aufgetaucht sind, in die Richtung des später fertigen Textes. Manchmal sind es sogar bereits Zeilen anstatt einzelner Worte, die in meinem Bewusstsein auftauchen. Diese Zeilen nehme ich überwiegend dann als Hauptthema für den Song. Ich weiß also, von was der fertige Song handeln soll, da ich mich lediglich an diesen paar Zeilen orientieren muss.

Basierend auf diesen Zeilen und den einzelnen Worten lasse ich mich dann ohne Tabus einfach treiben. Ich fange einfach an zu schreiben und frei zu assoziieren. Ohne Filter und ohne inneren Kritiker. Ich schreibe ungefiltert und gnadenlos alles auf was mir einfällt. Hierdurch entsteht für jeden Song also sehr viel Text den man hinterher im fertigen Song dann nicht hört. Wenn ein fertiger Songtext auf ein bis zwei DIN-A4 Seiten in Microsoft Word passt dann sind im Regelfall nochmal drei Seiten Text dabei welche nicht in der fertigen Version enthalten sind. Ich mag den Gedanken, dass ich mich „leerschreiben“ muss. Das heißt, ich muss alle Zeilen, die mir einfallen, zu Papier bringen, um zu den wirklich relevanten Zeilen zu gelangen. Wenn ich diese Zeilen nicht aufschreibe, dann versperren sie mir den Weg für die für den Songtext „richtigen“ Zeilen. Während des Schreibens weiß ich ja nicht immer sofort, ob mir diese jeweilige Zeile wirklich gefällt bzw. ob sie gut ist. Das ist während des Schreibens aber auch gar nicht wichtig. Denn ich kann ja hinterher entscheiden, was von dem ich alles aufgeschrieben habe für den Songtext wirklich relevant ist.

Wichtig zu erwähnen wäre mir noch, dass das, was ich hier so technisch beschreibe, in mir drin vollkommen unbewusst abläuft. Es ist also nicht so, dass ich das unbedingt genauso machen will wie hier beschrieben. Es spring einfach so aus mir heraus. Ich sehe das also weder als Technik noch als Strategie. Wenn dem so wäre, dann würde ich das alles komplett sein lassen. Denn dann wäre mir das alles zu handwerklich. Es ist mein Anspruch, Songs zu schreiben und sie eben nicht zu konstruieren. Daher kann ich mich mit dem Begriff „Handwerk“ bzgl. Songwriting nicht wirklich anfreunden. Denn grundsätzlich funktioniere ich so, dass ich neue Songs rein über Gehör schreibe. Das heißt, Musiktheorie bleibt bei mir beim Songwriting völlig außen vor. Ich habe mich noch nie in meinem Leben hingesetzt, mir den Quintenzirkel angeschaut und dann „abgelesen“, welcher Akkord denn jetzt am besten zu D-Dur passen würde. Ich funktioniere so nicht. Was ich mache ist, dass, wenn ich zum Beispiel D-Dur spiele, das ich dann intuitiv die paar passenden Akkorde dazu spiele und mich dann für den entscheide der zu meiner momentanen Stimmung am besten passt.

Und auf diese Art und Weise schreibe ich den ganzen Song. Ich spiele einen Akkord und überlege, passt der in meine aktuelle Stimmungslage, ja oder nein. Wenn nein, dann spiele ich einen anderen Akkord. Wenn ja, dann spiele ich zu dem Akkord alle passenden Akkorde bis ich den gefunden habe, der sich basierend auf meiner aktuellen Stimmungslage am besten mit dem ersten ergänzt. Dann überlege ich, ob diese kurze Akkordfolge bestehend aus zwei Akkorden bereits für einen Refrain ausreicht. Wenn ja, fange ich an eine Melodie zu komponieren. Wenn nein, dann spiele ich einen dritten Akkord. Dann prüfe ich nochmal, ob´s jetzt für einen Refrain ausreicht. Wenn nicht, spiele ich noch einen vierten Akkord. Wenn mir jetzt zu dieser vierteiligen Akkordfolge keine Melodie einfällt, dann verwerfe ich die Idee im Regelfall. Bzw. ich nehme sie zumindest kurz auf und schiebe sie dann in meinen Ordner „Songideen“. Dort befinden sich momentan ca. 200 Melodieschnipsel und Akkordsequenzen zu denen mir aber noch nicht die zündende Idee gekommen ist. Sobald ich aber merke, dass mir zu der anfänglichen Akkordfolge eine Melodie einfällt die mir gefällt und wenn mir dann sogar noch direkt ein paar Worte einfallen, dann gebe ich dem Kind einen Namen. Das heißt, ich erstelle einen Ordner mit dem Namen des Songs. Das ist dann für mich keine reine Songidee mehr, sondern es ist bereits viel konkreter. In dem Fall spiegelt diese Idee dann schon eine sehr gute Vorstellung des später fertigen Songs wieder. Also kurz gesagt: Entweder eine Idee wandert in den Ordner „Songideen“, d. H. ich bin zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Lage, daraus irgendetwas konkretes zu erstellen. Oder ich empfinde die Idee als so gut, dass ich ihr direkt einen Namen gebe. Damit ist dann der Grundstein gelegt und ich weiß, dass ich diese Idee lediglich nur noch „vervollständigen“ muss, damit ein neuer Song entsteht.

Was haben alle deine Songs gemeinsam?

Meine Songs beinhalten alle einen tiefgründigen Text sowie eine einprägsame Melodie. Es ist mein Anspruch, dass ich so viel Musikalität in den Song bringe, wie eben mit einer Akustikgitarre und einer menschlichen Stimme halt möglich ist. Zudem bin ich ja Minimalist. Das heißt, man könnte jeden Song wahrscheinlich noch mit zig anderen Instrumenten und verschiedenen Soundpatterns aufwerten und vervollständigen. Das mag vom Sound her betrachtet dann natürlich abwechslungsreicher klingen. Aber mir ist wichtig, dass der Song auch ohne zusätzliche Soundelemente funktioniert. Der Song muss gut klingen, auch wenn ich ihn lediglich auf der Akustikgitarre spiele und dazu singe. Der Song muss also funktionieren, auch wenn er nur aus zwei Instrumenten besteht. Und um die eben angesprochene Musikalität zu erreichen ergänze ich den Song dann mit so vielen Melodien wie nötig. Gleichzeitig natürlich auch mit so wenigen wie möglich.

Ein weiteres wiederkehrendes Element welches sich durch alle meine Songs zieht ist die Repitivität. Damit ist zum einen gemeint, dass ich sehr wenige Rhythmuswechsel vornehme. Zum anderen ist damit gemeint, dass ich die Kernmelodie des Songs im Grunde genommen durch den gesamten Song durchschleife, ohne, dass man diese direkt so bewusst wahrnimmt. Die Übergänge zwischen einem Refrain und den Strophen sind oftmals sehr monoton und bewusst unaufdringlich gewählt. Das bedeutet, in meinen Ohren klingt der Song eigentlich immer wie eine Abfolge von zwei oder drei verschiedenen Akkorden. Eigentlich also relativ überschaubar. Ich mache also quasi Akustik-Punk :). Durch diese zentrale einprägsame Akkordfolge entsteht etwas fast hypnoseartiges, d. H. in meinen Songs passiert nichts völlig Unerwartetes. Ich glaube also, meine Songs haben nicht die Absicht zu schocken, sondern sie erzeugen eine ruhige und entspannte Atmosphäre. Sie erzeugen einen Zustand, in den man sich hineingleiten lassen kann. Und wenn man in diesem Zustand ist, kann man sich in Ruhe auf den Text fokussieren, ohne, dass die Musik einen davon ablenken würde. Vielleicht trifft auf meine Songs daher die Bezeichnung „vertonte Gedichte“ ganz gut zu.